Die Wegbereitung

Ein weitschallender Ruf dieser Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts betraf den christlichen Glauben.

Es war die Forderung nach einer umfassenden "Reformation an Haupt und Gliedern" für die gesamte Christenheit.

Dieser Ruf nach Reformation betraf in erster Linie die Institution Kirche, weniger den religiösen Glauben als solchen.

Am 4. Mai 1415 fällte das "Reformkonzil" der römischen Kirche sein Urteil über die 45 Sätze des englischen Theologen und Philosophen John Wyclif. Dieser hatte die Rückkehr zum strengen urchristlichen Armutsideal (De Civili dominio) gefordert.

Seine Lehre wurde die Ausgangsbasis für Jan Hus; er gilt heute teils als Extremist, teils als Sozialrevolutionär, teils als Vorreformator.

Am 6. Juli 1415 wurde auf eben diesem Konzil dieser Jan Hus, der Theologieprofessor und Prediger aus Prag, dem Scheiterhaufen überantwortet. Er hatte in Böhmen viele Parteigänger aber auch ebensoviele Gegner gefunden.

Doch war damit sein Gedankengut über die Notwendigkeit einer Reformation endgültig beseitigt worden?

Dazu schreibt Renate Riemeck in ihrer bemerkenswerten Hus-Biographie: "Das Konzil hat über ihn triumphiert. Aber nur dem äußeren Schein nach war er unterlegen."

Ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz Böhmen. In der hussitischen Bewegung, die in das Lager der Utraquisten und in das Lager der radikalen Taboriten gespalten war, entfesselte sich der reformerische und radikale Wille. Die radikalen Taboriten verkündeten ihre Botschaft mit dem Anbeginn des jüngsten Gerichts, das sich mit Schwert und Feuer durchsetzen werde, denn sie fühlten sich als dessen Vollstrecker aufgerufen.

Letztendlich verfolgten sie sozialrevolutionäre Ziele. Die Gemäßigten, auch Kalixtiner genannt, forderten den Laienkelch bei der Austeilung des Abendmahls, eine "communio sub utraque specie", nämlich die Abendmahlsfeier mit Wein und Brot.

Die Verbindung zu Rom wollten sie jedoch erhalten. Was sich hier in Böhmen abspielte, war letztendlich ein Spiegelbild des übrigen mitteleuropäischen Umkreises.

Denn die große Verderbtheit in der Kirche, bei Klerikern und Mönchen, war ebenso unübersehbar, wie das Streben der Grundherren und Adligen im Kampf um Besitz und Geltung, die Bauern immer stärker aus der Zinsabhängigkeit in die Leibeigenschaft zu treiben.

So befanden sich die aus dem Mittelalter überkommenen Bevölkerungsschichten und Klassen in einem Auflösungsprozeß. Auch wenn sich noch keine neue Bevölkerungsstruktur herauskristallisiert hatte, eine soziale Differenzierung durch das Anwachsen der Vermögensunterschiede war nicht mehr zu übersehen.

Innerhalb des Adels führte dieser Differenzierungsprozeß zu einer erheblichen Machtzunahme der Landesfürsten, die außer in Süddeutschland und Franken wie auch in Thüringen, den niederen und mittleren Adel unter ihre Herrschaft gezwungen hatten.

Für den niederen Adel gab es nur wenig Möglichkeiten zum Überleben. Sie konnten entweder in den fürstlichen Hofdienst treten, sich als besoldete Landsknechte verdingen, oder aber aus den Bauern ihres Herrschaftsgebietes, um sich weiterhin standesgemäß behaupten zu können, das dazu notwendige Mehreinkommen herauspressen.

Auch in den Städten wuchsen die sozialen Probleme. Patrizier und selbständige Handwerker bildeten die städtische Mittel- bzw. Oberschicht.

Ihnen gegenüber standen die verarmten Handwerker, Gesellen und Lohnarbeiter, Fahrende und Bettler. Immer weiter entfernte man sich sozial voneinander. Da zudem noch die untere Schicht von politischen Rechten ausgeschlossen blieb, konnte sie auch nicht an dem zunehmenden Wirtschaftsaufschwung teilhaben.

Dies wirkte sich natürlich nicht gerade förderlich auf die soziale Harmonie in den Städten aus. Ganz das Gegenteil trat ein. Ein zunehmender sozialer Unfrieden entwickelte sich. Jedes echte soziale Bündnis zwischen den Gruppen wurde immer unmöglicher und forderte schließlich die Radikalisierung der unteren Schichten förmlich heraus.

Diese Mißstände wurden von Volkspredigern wie Geißler von Kayserberg und Satirikern wie Sebastian Brant mit scharfer Zunge und spitzer Feder angeprangert.

Selbst der später berühmte Kardinal Nikolaus von Kues beschrieb als noch unbekannter Theologe und Teilnehmer am Baseler Konzil in seinem Buch "De concordantia catholica" Verunstaltungen und Mißstände in Reich und Kirche. Diese bezeichnete er sogar als tödliche Krankheit.

Die Konzilien von Pisa und Konstanz (1409 1418) bzw. von Basel und Ferrara Florenz (1431 1439) fanden keinerlei Lösung zu diesen Problemen.

Kein Weg wurde von den politisch Verantwortlichen gefunden, um die Not der Bauern, der unbemittelten Handwerker und Kleinbürger zu beseitigen. Es fehlte schlichtweg der dazugehörige Mut.

Die damalige große Hoffnung auf Erneuerung beweist die politische aber auch kirchenpolitische Schrift eines leider uns unbekannten Verfassers, die unter dem Namen "Reformatio Sigismundi" gegen 1439 in Umlauf kam und die in mehreren Auflagen bis ins 16. Jahrhundert Verbreitung fand.

Diese Reformatio Sigismundi stellt sich als ein Traum des Kaisers Sigismund vor, der sich "die Christlich kirche in besterige ordnung zubringen furgenommen hette."

Ein Holzschnitt auf der Titelseite zeigt, daß Kaiser Sigmund durch einen Traum von Gott inspiriert wird, die soziale und politische Ordnung umzugestalten. Diese Umgestaltung müsse mit der Kirche beginnen, wobei alle Glieder vom Papst über die Bischöfe, Klöster und geistige Orden einzubeziehen seien.

Hier wird auch das Motiv der göttlichen Inspiration, die der Verfasser und der Holzschnitzer gewählt haben, deutlich. Gegen den Willen Gottes gibt es keine menschliche Kritik entgegenzusetzen. Die gilt genauso auch für die Institution Kirche.

Zudem verlangt die Reformatio, daß das Verständnis zu den sieben Sakramenten neu gefunden werden müsse. Zweifelsohne sind hier bereits Gesichtspunkte lutherischer Reformation vorweggenommen.

Weiterhin verlangt der Verfasser eine gerechte und vollkommene Weltordnung, in der die "iustitia dei" zurückgewonnen werden müsse, die Gerechtigkeit Gottes anstelle des römischen Rechts, das gerade große Nachteile für den Bauernstand mit sich brachte.

Die Differenzierung, die Luther im göttlichen und im natürlichen Recht sieht, finden wir in der "Reformatio Sigismundi" nicht.

Diese Veränderungen soll ein geweissagter Kaiser, der Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen bringen.

Denn bereits Friedrich II. von Hohenstaufen hatte nach seiner Absetzung durch den Papst im Jahre 1245 bekundet, "daß es immer Unsere Absicht war, die Kleriker jeden Ranges, besonders aber die hohen, in den Zustand der Urkirche zurückzuführen."

Die Chronik des Johann von Winterthur aus dem Jahre 1348 berichtet, daß dieser Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen es sei, der in alter Macht und Herrlichkeit wiederkehren werde, um die verderbte Papstkirche zu reformieren.

Was hier als der Traum des Kaisers Sigmund dargestellt wird, wird dreißig Jahre später Predigtgut des in Helmstedt geborenen Hans Böhm, Hirt im fränkischen Taubergrund, der der "Pfeifer von Niklashausen" oder aber auch der "Pauker von Niklashausen" genannt wurde.

Er wurde wegen seiner Predigten gegen die geistliche und weltliche Macht im Auftrag des Bischofs von Würzburg 1476 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

In dem Buch "Wegbereiter der Reformation", das G. A. Benrath herausgegeben hat, erfahren wir durch einen Bericht über die Predigttexte des Hans Böhm folgendes:

"Zum ersten untersteht er sich, ohne Unterlaß vor dem Volke zu predigen und zu sagen, so wie im folgenden geschrieben steht: Wie ihm die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, erschienen sein soll und ihm offenbart habe den Zorn Gottes wider das Menschengeschlecht und insbesondere wider die Priesterschaft. Daß Gott daher habe strafen wollen und Wein und Korn auf den Kreuzestag hätten sollen erfroren sein, das habe er abgewandt durch sein Gebet.

Wie im Taubertal ebenso große, vollkommene Gnade sein soll und noch mehr als in Rom oder sonstwo. Welcher Mensch ins Taubertal kommt, der erlange alle vollkommene Gnade, und wenn er sterbe, so fahre er vom Mund (Man glaubte damals, daß daraus die Seele entweiche; Anm. d. Verf.) auf zum Himmel." Weiterhin beklagte er sich, "wie der Kaiser ein Bösewicht sei, und mit dem Papst ist es nichts. Der Kaiser verleihe dem Fürsten, Grafen und Ritter und Knechtgeistlichen und weltlichen Zoll und Steuern über das gemeine Volk, ach weh ihr armen Dummköpfe! Die Geistlichen haben viele Pfründen, das soll nicht sein. Sie sollen nicht mehr haben als von Maal zu Mal. Sie werden erschlagen und in Kürze wird es dazu kommen, daß der Priester sein kahles Haupt mit der Hand bedecken möchte, damit man ihn nicht erkennt. Wie der Fisch im Wasser und das Wild auf dem Feld Gemeineigentum sein soll .............. Es kommt noch dazu, daß die Fürsten und Herren um einen Tagelohn arbeiten müssen................ Er wolle noch eher Juden bessern als die Geistlichen und Schriftgelehrten ..................... Die Priester sagen, ich sei ein Ketzer, und wollen mich verbrennen. Wüßten sie, was ein Ketzer ist, sie erkennten, daß sie Ketzer sind und ich keiner. Verbrennen sie mich aber weh ihnen! Sie werden wohl merken, was sie getan haben, und der Schaden wird ihnen abgehen."

Solche Sätze genügten natürlich im Jahre 1476, um als gefährlicher Ketzer und Volksaufwiegler auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Bereits im Juli trat das, was Hans Böhm geahnt hatte, ein.

Doch seine Worte sollten nicht unverhallt vergehen. Kein halbes Jahrhundert später tobte in den deutschen Landen der Bauernkrieg. Die Bauern, die Lohnarbeiter, Tagelöhner und die ganz Armen waren jetzt nicht mehr zu zügeln.

Mit Gewalt wollten sie sich die Rechte verschaffen, die ihnen und ihren Vorfahren durch Bitten und Fronen nicht zuteil geworden waren.

Als die Bauernbünde im süddeutschen Raum, in der Schweiz, in Österreich, im Südschwarzwald, am Oberrhein, in Franken und in Mitteldeutschland sich zum Kampf zusammenrotteten, hatte sich ihnen einer bereits angeschlossen, der zwar ihrem Stand nicht angehörte, der sich aber für ihre Rechte einzusetzen gewillt war. Für ihn war die Gerechtigkeit Gottes eine Sache, bei der es um alles ging. Sie war für ihn nicht Gegenstand intellektueller Diskussion oder Inhalt geistlicher Predigten. Er war der Meinung, daß nur die gewaltsame Auseinandersetzung mit den Mächtigen die Einsetzung der geforderten Rechte der Unterdrückten und damit auch die Verwirklichung der Gerechtigkeit Gottes schaffen könnte.

Dieser Mann war Thomas Müntzer.

Er war immer ein Umstrittener, ein angefochtener. Da er auch letztendlich scheiterte, er auch zu Lebzeiten keine ebenbürtige Unterstützung fand, fiel von Anfang an ein tiefer Schatten auf sein Leben und Wirken.